Landbell AG
Full-Service-Umweltdienstleister
Landbell ist Umweltdienstleister und Entsorgungsspezialist und in dieser Hinsicht als Full-Service-Anbieter für Unternehmenskunden positioniert. Deren gesetzliche Rücknahme- und Verwertungspflichten werden an Landbell übertragen und von dem Mittelständler erfüllt. Das größte Geschäftsfeld im Portfolio ist das Dualsystem. Darüber hinaus bietet Landbell Elektroaltgeräte- und Standortentsorgung an, die Rücknahme von Einwegpfandflaschen und Transportverpackungen. Dabei verfügt Landbell über keine eigenen Fahrzeuge oder Anlagen, sondern agiert als Systemdienstleister, der für seine Kunden effiziente Lösungen zusammenstellt.
Drei Geschäftsmodelle
Landbell wurde 1995 ursprünglich gegründet, um einen speziellen Kunststoff zurück zu holen, der ohne Qualitätsverlust recycelt werden kann. Die Volumina dieses Kunststoffes reichten jedoch nicht aus, um das Geschäftsmodell rentabel zu betreiben. Daraufhin versuchte Landbell, den Wettbewerb zum Monopol der Dualen System Deutschland AG (DSD) mit einem optimierten Konzept zu eröffnen. Aus der Gelben Tonne sollten nur Großverpackungen recycelt werden; kleinere Verpackungen, deren Recycling einen hohen Aufwand verlangt, sollten dagegen zur Energieerzeugung verbrannt werden. Im Lahn-Dill-Kreis wurde das System zwar erfolgreich getestet, insgesamt war es wegen der thermischen Verwertung politisch jedoch nicht durchsetzbar. Daraufhin entschied man sich, ein System analog zum DSD aufzubauen. Dafür mussten Verträge mit allen Gebietskörperschaften und lokalen Entsorgern geschlossen sowie Unternehmenskunden gewonnen werden. So ist Landbell zum ersten und größten Konkurrenten des DSD avanciert. Mittlerweile gibt es vier deutschlandweit agierende Wettbewerber. Diese greifen mit der Gelben Tonne auf dieselbe Infrastruktur zurück und bekommen die Wertstoffe entsprechend ihrer Marktanteile zugeordnet. Landbell konnte 2006 einen Marktanteil von zehn Prozent und einen Umsatz von 100 Millionen Euro verzeichnen und beschäftigt heute 50 Mitarbeiter.
Europäische Expansion und Gelbe Tonne Plus als Vision
Nachdem Landbell deutschlandweit lizenziert wurde, baut das Unternehmen nun europäische Kooperationen auf. Dieses Vorhaben basiert auf der Vision, als europäischer Full-Service-Entsorger Kunden zentral bedienen zu können, die überall in Europa Verpackungen auf den Markt bringen. Das Zukunftsbild von Landbell ist stark normativ geprägt. Man hofft, dass durch die Schließung gesetzlicher Lücken in der Verpackungsverordnung der Markt für Rückholsysteme in Zukunft nicht mehr schrumpfen wird. Weil eine entsprechende Novelle in Vorbereitung ist, geht man bei Landbell von steigenden Entsorgungsvolumina aus. Gleichzeitig erwartet man sinkende Preise wegen des zunehmenden Wettbewerbs der dualen Systeme. Um effizienter wirtschaften zu können, hofft man bei Landbell auf einen Abbau von gesetzlich festgelegten Parallelsystemen. So könnten etwa kleinere Elektrogeräte in der Gelben Tonne mitgesammelt werden, weil sie einfach auszusortieren und günstiger zu entsorgen sind als über kommunale Sammelstellen. In einem weiteren Schritt ließen sich neben Verpackungen auch Produkte in der Gelben Tonne entsorgen, deren Materialien einfach recycelt werden können und deshalb nicht verbrannt werden müssen (wie gebrauchtes Plastikspielzeug). In der Gelben Tonne Plus würden auf diese Weise mehr Produkte in die Kreislaufwirtschaft eingebunden werden. Steigende Ressourcenpreise, so die Erwartung des Unternehmens, lassen Abfälle als Rohstoffe zudem attraktiver und das Recycling lukrativer werden. Eines Tages könnten Entsorgungsgebühren sogar entfallen und Abfälle stattdessen aufgekauft werden, wie dies bereits bei einigen gut sortierten Industrieabfällen der Fall ist. Altpapier, das Landbell aufkauft, wird als Rohstoff an Papierfabriken im In- und Ausland vertrieben.
Politikmonitoring und Lobbying
Dass Landbell in diesen wünschenswerten Zukunftsbildern denkt (z.B. Gelbe Tonne Plus), ist insofern bedeutsam, als das Unternehmen über Lobbyarbeit die politischen Rahmenbedingungen entsprechend zu beeinflussen versucht. Diese sind in Kreislaufwirtschaftsgesetz und Verpackungsverordnung definiert. Geschaffen wurden diese Bestimmungen Anfang der 90er Jahre, als die Deponien wegen des wachsenden Müllaufkommens überquollen. Seitdem wurde das Gesetz mehrfach überarbeitet, wodurch der Markt für duale Systeme vergrößert, verkleinert oder neu segmentiert wurde (wie beim Pflichtpfand). In aller Regel gehen die Impulse für diese Gesetzesnovellen von Marktakteuren oder Verbänden aus. Auch Landbell beobachtet relevante politische Entwicklungen und versucht, mit den politischen Akteuren in Landes- und Bundesministerien ins Gespräch zu kommen. Dieses Lobbying liegt in der Verantwortung des Vorstandsvorsitzenden, der von einem Aufsichtsrat und externen Lobbyisten unterstützt wird.
Breite Suchfelder und Beteiligung
Alle Mitarbeiter sind gefordert, Markt- und Umfeldentwicklungen zu beobachten. Eine besondere Rolle spielen dabei Innendienst und Vertrieb. Mit Entsorgern wird über Trends und neue Verwertungsstrategien gesprochen. Mit Kunden werden künftige Entsorgungsbedarfe eruiert, um nicht am Markt vorbei zu entwickeln. Auch die europäische Expansionsstrategie von Landbell resultiert aus Impulsen von Kunden, die sich mit komplexen europäischen Rahmenbedingungen konfrontiert sehen. Umweltaufgaben gehören nicht zum Kerngeschäft der produzierenden Unternehmen, weshalb diese entsprechendes Know-how zukaufen. Landbell verfügt über dieses Know-how und ergänzt es durch Beobachtung relevanter Entwicklungen bei Rohstoffpreisen und Verpackungsmaterialien. Bedeutend ist auch der Grad des Umweltbewusstseins in der Gesellschaft, woraus sich letztlich die Akzeptanz für Rückholsysteme ableitet. Landbell generiert Zukunftswissen durch Beobachtung, indem diverse Informationsquellen ausgewertet werden. Ein zweiter Baustein ist die Personalpolitik. Rekrutiert werden primär Mitarbeiter, die Erfahrungen bei Wettbewerbern, in Politik und Verwaltung, im Handel und in der Konsumgüterindustrie gesammelt haben und somit künftige Bedarfe und Rahmenbedingungen besser abschätzen können.
Wissensbündelung
Gebündelt wird das dezentrale Wissen in Strategiezirkeln, die als Workshops einmal jährlich oder bei Bedarf häufiger stattfinden. Dabei begeben sich die Mitarbeiter ein bis zwei Tage in Klausur. Ein externer Moderator hilft, das z.T. nur implizit vorliegende Foresight-Wissen explizit zu machen. Vier Themen-Workshops analog der Bereiche Vertrieb, Entsorgung, Finanzen und IT sowie neue Geschäftsfelder werden ohne Vorstandsbeteiligung durchgeführt, damit freier diskutiert werden kann. Dabei werden alternative Richtungen der Marktentwicklung und seiner Rahmenbedingungen evaluiert und mit Eintrittswahrscheinlichkeiten versehen, so dass sich ein Basisszenario für Marktentwicklungen in den nächsten fünf Jahren herauskristallisiert. Der fünfjährige Planungshorizont resultiert aus der Entwicklungszeit, die für Zulassungen, die Suche nach Kooperationspartnern und Vertragsschließungen benötigt wird. Die dokumentierten Ergebnisse der Strategiezirkel werden in einem zweitägigen Vorstands-Workshop verdichtet. Bei den politischen Rahmenbedingungen, die Landbell beeinflussen kann, werden Handlungsoptionen erarbeitet. Zudem werden strategische Fragestellungen bezüglich vertikaler und horizontaler Integration sowie neue Differenzierungspotenziale erörtert. Daraus werden die Felder abgeleitet, in die bereits heute investiert werden muss. Ziel von Foresight ist neben der Unterstützung von strategischer Planung und Investitionssicherheit auch die Sicherung von Arbeitsplätzen, denn ein Fortbestand des Unternehmens wird noch nicht als selbstverständlich erachtet.
Fazit
Typisch für kleine Mittelständler sind neben der Weiterentwicklung des Geschäftsmodells auch die regionale Expansionsstrategie und der große Einfluss der Kunden auf solche Vorhaben. Das Spezifische am Zukunftsmanagement bei Landbell ist, dass das Unternehmen proaktiv bei den Rahmenbedingungen agiert, die es beeinflussen kann, und sich bei allen weiteren Schlüsselfaktoren durch Flexibilität Reaktionsfähigkeit erhält. Als Systemdienstleister erhebt Landbell Informationen über mögliche künftige Entwicklungen an den Schnittstellen. Hervorzuheben ist dabei die breite Mitarbeiterbeteiligung und eine Foresight-orientierte Personalpolitik.
Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © z-punkt.de

