Ein Innovationsprojekt von Z_punkt und dem Bundesministrium für Bildung und Forschung Foresight Baukasten

Wilkening + Hahne GmbH + Co. (Wilkhahn)

Innovationsführer bei Büromöbeln

Wilkhahn wurde 1907 als Stuhlfabrik gegründet und gilt heute als Innovationsführer in der Büromöbelindustrie. Die Marke steht für die Verbindung von Ergonomie, Funktionalität und Ästhetik. Die Stühle, Tische, Sessel und Bänke werden auftragsbezogen und in kleinen Serien in der Fabrik in Bad Münder gefertigt. Die Kunden legen Wert auf Individualität bei der Gestaltung ihrer Vorstands- und Konferenzräume. Wilkhahn definiert seinen Schwerpunkt in diesen qualitätsorientierten und weniger preissensiblen Segmenten, stattet mit seinen Stühlen aber auch einfache Büros aus. Das Unternehmen sieht seine Produkte als Katalysatoren menschlicher Kommunikation und Interaktion, kennt man doch den Einfluss des Raumes und seiner Gestaltung auf die Verhaltensweise des Einzelnen. Wilkhahn konnte im Jahr 2006 mit 510 Mitarbeitern 76 Millionen Euro Umsatz erzielen; mehr als 60% davon im Ausland. Dabei werden die saturierten Märkte Europas durch Vertriebspartner, die Emerging Markets primär im Projektgeschäft direkt von Wilkhahn betreut.

Experimentieren und verändern

Die internationale Expansion betreibt Wilkhahn seit den 80er Jahren und verfügt heute über Niederlassungen in Europa, Asien und Australien. Man beobachtet, dass sich ökonomisches Wachstum in den Metropolen konzentriert und ist entsprechend vor Ort.
Neben der regionalen Expansion hat Wilkhahn sein Produktportfolio kontinuierlich weiterentwickelt. Stühle wurden ergonomisch optimiert und sehr erfolgreich auf „dynamisches Sitzen“ ausgelegt. Bei Tischen wurde die Beinfreiheit verbessert und die Kombinierbarkeit zu diversen Tischformationen ermöglicht. Tische haben falt- und schwenkbare Platten, die Mobilität und platzsparende Lagerung bei Nichtbenutzung ermöglichen. Impulse für diese Innovationen, die mit zahlreichen Designpreisen ausgezeichnet wurden, kamen nicht primär von Kundenseite, sondern entstammen der eigenen Experimentierfreude. Diese Innovationsorientierung, die auf den Gründer Fritz Hahne zurückgeht, hat das Unternehmen selbst in Krisenzeiten nicht aufgegeben.

Konvergenz: Büromöbel+Technik

Jüngere Innovationen integrieren moderne Technik und Infrastruktur. Schreibtische sind mit integrierter Stromversorgung, Anschlüssen, Displays und Rechnerleistung ausgestattet. Wilkhahn hat den Trend der zunehmenden Konvergenz von Büromöbeln und Technik vorhergesehen und auch selbst erfolgreich vorangetrieben. Schließlich haben moderne Informations- und Kommunikationstechnologien mit Computer, Laptop, Internet, Beamer, Handy und PDA in den 90er Jahren und im neuen Jahrtausend das Arbeitsleben und die Interaktionsformen von Menschen in Unternehmen radikal verändert. Megatrends, die das künftige Arbeitsumfeld und damit die Anforderungen an Büromöbel verändern, sind aus der Sicht von Wilkhahn vor allem die Globalisierung, der Klimawandel und die steigenden Energiekosten. Der hohe Wettbewerbsdruck hat zur Folge, dass Kernkompetenz eines jeden Unternehmens zukünftig Innovationskraft und Kreativität sein muss. Zunehmende Spezialisierung erhöht die Notwendigkeit zur Kooperation. Steigende Mobilitätskosten wirken sich dabei auf lokal verteiltes Arbeiten aus und werden das Zusammenspiel realer und digitaler Räume neu definieren. Im direkten Geschäftsumfeld erwartet man einen Generationswechsel in den Führungsetagen der Kunden und eine zunehmende Polarisierung des Marktes. Um den steigenden Individualisierungsansprüchen im Premium-Segment gerecht zu werden, will Wilkhahn keine Kompetenzen outsourcen und verlagert – im Gegensatz zur Konkurrenz – keine wesentlichen Teile der Wertschöpfung in Billiglohnländer. Die Vision liegt in der „Verheiratung“ von Industrie und projektorientierter Handarbeit, um Kunden die Sicherheit der Serie mit dem Unikat der Maßanfertigung bieten zu können.

Kontexte und normative Zukünfte

Das Zukunftsbild von Wilkhahn ist normativ geprägt. In einer wünschenswerten Zukunft haben neue Wilkhahn-Produkte dazu beigetragen, Probleme in der Arbeitswelt zu lösen, die bereits heute erkennbar sind: Beispielsweise müssen bei Besprechungen Manager unter den Tischen nach Steckdosen für ihren Laptop suchen, und in Konferenzräumen wird auf veraltete Technik (wie Flipcharts) zurückgegriffen. Die Arbeitskontexte, die Wilkhahn primär beobachtet und in denen das Unternehmen seine Produkte platziert, sind individuelles Arbeiten z.B. im Büro, Entscheidungssituationen in Konferenzräumen oder Plenarsälen, kreative Teamarbeit in Seminarräumen oder Bürogemeinschaften, Lernsituationen in Hörsälen sowie Entspannungsmomente in Sitzecken oder Wartezonen. Die analytische Dimension des Zukunftsbildes besteht darin, relevante Umfeldentwicklungen zu erkennen und ihre Auswirkungen auf die Arbeitskontexte vorzudenken. Dabei gilt es, dauerhafte Trends statt kurzfristiger Moden herauszufiltern.

Die Idee hinter dem Produkt

Wilkhahn strebt an, innerhalb der Arbeitskontexte „das (heute oder künftig) Fehlende zu finden“ und so den Gebrauchswert seiner Büromöbel zu erhöhen. Dafür muss vom einzelnen Produkt abstrahiert und die Idee dahinter fokussiert werden. Es geht um besseres Sitzen und die Interaktion von Menschen. Um entsprechende Innovationsimpulse zu identifizieren, hat man bei Wilkhahn die Erfahrung gemacht, dass es wenig Sinn macht, Kunden direkt zu befragen. Gerne zitiert man das Diktum von Henry Ford, wonach sich die Menschen seinerzeit schnellere Pferde und keine Autos gewünscht hätten. Wilkhahn versucht stattdessen, Bedürfnisse vorauszudenken, um dem Kunden neue Lösungen zu bieten, die ihm nützen, ohne dass er dies vorher hat formulieren können. Dafür untersucht Wilkhahn in empirischen Studien die Verhaltensmuster von Menschen in Räumen und die technologische Ausstattung von Büros und Konferenzräumen. Letztlich geht es um simple Beobachtung – und dabei sind alle Mitarbeiter gefragt, Innovationsideen ins Unternehmen einzubringen. Diese werden in Workshops und im Wilkhahn Lab, dem „Ideenkasten“ des Unternehmens, gesammelt und bewertet. Die Informationssammlung, aus der Zukunftsbilder und Innovationsimpulse abgeleitet werden, findet bei Wilkhahn also in eher freier Form statt. Grundlage sind eine auf das Lernen fokussierte Unternehmenskultur, Freiräume für Mitarbeiter (zur Beobachtung und Reflektion) und Foren, in denen sie ihre Ideen einbringen können.

Foresee als Know-how-Satellit

Auch Externe werden in diese Foren eingeladen, um in Netzwerkkooperationen mit Unternehmen, Hochschulen und Forschungsinstituten auch branchenfremdes Wissen in Zukunftsbilder und Produktentwicklung einbinden zu können. In einem Kooperationsprojekt für die Expo hat Wilkhahn mit DGB, AOK, Deutscher Arbeitsschutzausstellung und dem Institut für Arbeits- und Sozialhygiene Szenarien zur Zukunft der Arbeit entwickelt und erlebbar gemacht. Für einen Kongress zu Arbeitswelten im Wandel wurde zudem ein Marketing-Projekt mit Fraunhofer IPSI aufgelegt. Daraus ist die Wilkhahn-Tochtergesellschaft foresee™ hervorgegangen, die heute als Think Tank mit vier Mitarbeitern die Produktentwicklung bei Wilkhahn (und anderen Unternehmen) unterstützt. Foresee™ fungiert als Know-how-Satellit für gesellschaftliche und technologische Entwicklungen, leitet daraus Innovationsideen ab und setzt diese gegebenenfalls auch um.

Szenarien zur Produktentwicklung

Foresight wird in eher informellen Kreisen und Projekten gebündelt und in stärker sy-stematisierte Produktentwicklungsstrukturen eingeleitet. Als Gatekeeper wirkt dabei der Gestaltkreis, in dem strategische Gestaltungsthemen (produkt-, organisations- oder Marketingspezisch) mit Zeithorizonten von etwa drei Jahren besprochen werden. Im Gestaltkreis tagen Geschäftsführer, Marketingleiter, Designmanager und gegebenenfalls auch Externe im Vier- bis Sechs-Wochen-Rhythmus. Der Foresight-Input besteht aus künftigen Anwendungsszenarien und Innovationskonzepten. Deren Kosten und zukünftiger Markt werden bewertet, woraufhin die Geschäftsführung über die Umsetzung entscheidet. 

Fazit

Wie andere Mittelständler auch ist Wilkhahn bereit, längerfristig zu investieren, und verfügt über eine flexible und veränderungsbereite Organisation. Das Besondere an der Zukunftsgestaltung von Wilkhahn ist die in der Unternehmenskultur verankerte Lernbereitschaft und der experimentelle Ansatz, der nach neuen Lösungen in den Kontexten sucht, in denen Wilkhahn-Produkte vorkommen. Mitarbeiter werden angeregt, ihre Ideen in Foren einzubringen, externe Partner in Projekten. Besonders ist auch das Vorhalten eines halbexternen Think Tanks als „Partisan“ für neue Ideen in der Organisation.


 

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1 © z-punkt.de

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